Im Livetalk: Vanessa Kersting vom Start-up „MV Liebe" (rechts) und OZ-Lokalchefin Kerstin Schröder. Foto: Jana Franke

Anlässlich des Digitalisierungskongresses „NØRD 2021“ berichtet Gründerin Vanessa Kersting im OZ-Livetalk über ihren Erfolg mit dem Online-Vertrieb regionaler Lebensmittel.

Corona hat dem vor drei Monaten gegründeten Wismarer Start-up „MV Liebe“ in die Karten gespielt, gibt Geschäftsführerin Vanessa Kersting zu. Denn in Sachen Ernährung habe sich in den vergangenen eineinhalb Jahren jede Menge getan, meint sie. Die OZ hatte die 28-Jährige am 8. Juni anlässlich des 2. Digitalisierungskongresses Mecklenburg-Vorpommern, der „NØRD 2021“, in die Wismarer Lokalredaktion zum Livetalk geladen. Übertragen wurde das Interview, geführt von Lokalchefin Kerstin Schröder, live auf der Homepage der OZ, auf Youtube, Facebook und Instagram.

„Wir essen das, was uns müde macht“

Die Pandemie zeige, wie wichtig die regionalen Warenströme und der Erhalt regionaler Strukturen sind, so Vanessa Kersting. Klar gebe es die Menschen, die mit Corona zum Telefon greifen und sich das Essen liefern lassen, aber es gibt auch die, die das bewusste Kochen (wieder-)entdeckten. „Wir Deutschen bringen unsere Autos mit dem besten Kraftstoff zum Laufen, aber unseren eigenen Motor selten. Wir essen das, was uns müde macht“, meint die Tochter einer Ernährungsberaterin. Der Standpunkt scheint ihr damit in die Wiege gelegt worden zu sein – und ihr Gefühl für gesunde und vor allem regionale Produkte gibt sie gern mit ihrem dreiköpfigen Team im Rücken weiter.

Ob Säfte, Marmeladen, Wurst oder Kräuter aus der Region – etwas anderes kommt hier nicht, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Tüte. Mit ihrem digitalen Hofladen bringt das Unternehmen „MV Liebe“ frische Produkte vom Händler direkt an die Haustür, wenn gewünscht. Ansonsten kann die „Regio-Tüte“ auch direkt in der Lübschen Straße 57 abgeholt werden. „Die Kunden können die Bestellung bis Mittwochabend aufgeben, donnerstags holen wir die Ware und Freitag wird sie ausgeliefert oder ist abholbereit“, schildert Vanessa Kersting.

Pläne für einen eigenen kleinen Laden

Durch verschiedene Aktionen – ob digital oder klassisch per Flyer für den Briefkasten – entwickelt sich das kleine Unternehmen stetig weiter. Waren es mit Beginn vor drei Monaten noch 50 Bestellungen in der Woche, sind es mittlerweile 60 bis 70 Tüten, die den Besitzer wechseln. Angeboten wird der Service in Wismar und im Umkreis von 20 Kilometern. Und da die Nachfrage so groß ist, wechselt das Unternehmen mit seiner Verpackung nun auch den Standort. Bald werden sie in Dorf Mecklenburg zu finden sein. In der Lübschen Straße, dem jetzigen Standort, soll dann ein kleiner Laden eingerichtet werden.

Entstanden ist das Unternehmen aus eigenen Befindlichkeiten. „Ich bin mit meinem Fahrrad von Hofladen zu Hofladen gedüst. Das ist in einem Flächenland schwierig, nicht alltagstauglich und viele Hofläden sind auch nicht bekannt“, erinnert sie sich. Warum also nicht alles bündeln, um nachhaltig zu sein? Die „Schnapsidee“, wie sie es nennt, ist bei einem Bierchen und den Sonnenuntergang vor Augen am Alten Hafen in Wismar entstanden. Mit 20 Produzenten aus dem Umkreis arbeiten sie mittlerweile regelmäßig zusammen. Und warum der Name „MV Liebe“? Aus Liebe zum Bundesland, begründet sie. „Es ist unheimlich schön hier, vielfältig von der Natur und von den Lebensmitteln her.“

Das Thema Regionalität hat Relevanz

So vielfältig die Tüten sind, so vielfältig ist auch die Kundschaft, die von Studenten und jungen Absolventen über Familien bis hin zu Urlaubern reicht. „Das macht Hoffnung und zeigt, das

Regionalität ein nicht zu unterschätzendes Thema ist.“ Die Angebote sollen sich nach Jahreszeiten unterscheiden. So wird es im Herbst und Winter auch in Richtung Kohl sowie Enten und Gänse gehen. „Wir tasten uns langsam heran und wollen erst einmal Erfahrungen sammeln“, sagt Vanessa Kersting. Ihr persönliches Ziel ist es, bis zum Jahresende auf 100 Bestellungen pro Woche zu kommen. So sollen künftig auch Büros eine Rolle spielen, die mit Gesundem aus der Region beliefert werden könnten.

Es gibt eine Kundschaft für Lebensmittel aus der Region

Ist Regionalität Luxus? Ganz von der Hand zu weisen sei das nicht, gibt Vanessa Kersting zu. „Ich frage mich tatsächlich, wie Radieschen für 33 Cent das Bund verkauft werden können. Wir zahlen im regionalen Einkauf mehr als einen Euro“, nennt sie ein Beispiel. Aber die Menschen seien bereit, das auszugeben, wenn sie wissen, dass das Essen aus der Region kommt und nicht schon Hunderte oder gar Tausende Kilometer hinter sich hat.

InnovationPort als Ankerplatz für Start-ups

Klar, Ängste und Sorgen bleiben trotz des Erfolgs innerhalb weniger Wochen. Eine große Unterstützung ist ihr dabei der InnovationPort – ein Ankerplatz für Start-ups und zur Vernetzung – im Technologie- und Gewerbezentrum (TGZ) in Wismar. „Es ist ein Geschenk für jeden Gründer“, freut sie sich. Dieser Service biete einen Anlaufpunkt, zu dem sie „mit all meinen Fragen hingehen kann“. Aktiv seien zwölf bis 15 Akteure dabei, sporadisch um die 30. Jeder habe seine eigene Idee und seine eigenen Vorstellungen vom Geschäft, aber gegenseitig ergänzen sie sich.

Autorin: Jana Franke