Christian-Karp von der Landmolkerei Hagenow. Foto: Timo Roth

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass die Hagenower Molkerei zum Verkauf stand. Zugreifen oder nicht? Die Landwirte Christian Karp, Hans-Peter Greve und Dirk Huhne haben damals lange hin und her überlegt, bis der Entschluss schließlich feststand. Greve bringt es auf den Punkt: „Wir hatten großen Respekt vor dem, was wir da anfangen, das war ein völlig neues Metier. Aber letztlich ging es uns um ein wichtiges Stück Unabhängigkeit.“

Konzentration der Branche wächst

Schon seit Langem hatten die drei mit Sorge beobachtet, wie die Konzentration in der Branche rapide voranschritt. Wenn die traditionsreiche Molkerei ganz geschlossen hätte, wäre die Konkurrenz sicher nicht unglücklich darüber gewesen. Doch jedem Lieferanten war klar: Wo es keine Konkurrenz mehr gibt, hat der Monopolist freie Hand. Schon jetzt gibt es in Mecklenburg-Vorpommern nur noch die in Wismar ansässige Molkerei Rücker, eine der größten Privat-Molkereien Deutschlands, das Deutsche Milchkontor mit den Standorten Altentreptow, Waren und Dargun sowie das Unternehmen Arla, das allerdings gerade dabei ist, sein Werk in der Prignitz zu schließen.

Hagenow im Vergleich ein Zwerg auf dem Markt

Im Vergleich ist Hagenow ein echter Zwerg auf dem Markt. Betriebsleiter Friedrich Kirsch rechnet vor: „Was wir hier in einer Woche produzieren, das machen die in Wismar an einem Tag.“ Bis zu 80 Millionen Liter Vollmilch verarbeiten er und seine sechs Mitarbeiter im Jahr zu Sahne und Magermilchkonzentrat. Was die Kosten angeht, werde der kleine Betrieb nie mit den großen mithalten können. Der einzige Weg zum Erfolg: Er muss sich seine Nischen suchen. Und die sehen die Betreiber derzeit vor allem in Nachhaltigkeit und Flexibilität. Ihr großer Vorteil, so Hans-Peter Greve: „Wir haben unsere landwirtschaftlichen Betriebe in Parchim, Kraak und Rodenwalde bei Vellahn, also alles rund um Hagenow.“

Und Greve macht klar: „Schon allein durch die kurzen Wege liegen wir in Sachen Kohlendioxid-Ausstoß etwa ein Drittel unter dem Industriedurchschnitt.“ Wobei nicht nur die Milch auf schnellem Wege in die Molkerei kommt, sondern auch 85 Prozent des Viehfutters aus dem direkten Umland stammen. Dazu kommen Photovoltaik- und Biogas-Anlagen auf und neben den Ställen, die dazu beitragen, dass die Landwirte mehr Energie herstellen als sie verbrauchen.

Einsatz für Mitarbeiter und Milchkühe

Und nicht zuletzt sind ihnen auch die sozialen Bedingungen, die sie ihren Mitarbeitern bieten können, und das Wohl ihrer schwarzbunten Rinder wichtig. Um Letzteres zu gewährleisten, sind sie gerade dabei, einen eigenen Tierwohlindex zu erarbeiten, in dem zum Beispiel Faktoren wie die Lebensleistung der Kühe, der Platz, der ihnen zur Verfügung steht, Medikamenteneinsatz oder Aufzuchtverluste eine Rolle spielen. Die Haltungsstufen, mit denen Tierprodukte im Lebensmittelhandel gekennzeichnet werden, sind in den Augen der Hagenower eine viel zu grobe Einteilung. Beispiel Stallhaltung: Die sei nicht per se als schlecht zu bewerten, da gebe es von Betrieb zu Betrieb riesige Unterschiede. Der 54-jährige Hans-Peter Greve erinnert sich: „Früher haben die Kühe noch auf Beton gelegen. Heute haben wir Tiefboxen, wo wir quasi den Waldboden in den Stall geholt haben, sodass sie ganz bequem auf verformbaren Matratzen liegen.“

Acht Betriebe liefern in die Hagenower Molkerei

Acht Betriebe sind es derzeit, die ihre Milch in die Hagenower Molkerei liefern – ein überschaubares Team, das den Vorteil bietet, so flexibel auf Sonderwünsche reagieren zu können, wie es in großen Verbänden kaum möglich ist. Will ein Kunde beispielsweise besonders viele Omega-3-Fettsäuren in der Milch, dann können die Landwirte das relativ schnell umsetzen, indem sie mehr Gras verfüttern.

Problem Milchpreis

Ein Problem allerdings: Ressourcenschonende Produktion, Rücksicht auf Tier und Mensch …, all das komme überall gut an, so die Erfahrung der Gründer. Wenn es darum geht, dafür auch etwas mehr zu bezahlen, blicken sie allerdings oft in unschlüssige Gesichter. Genau 31,5 Cent pro Liter Milch bekommen die Bauern zurzeit von der Hagenower Molkerei. Greve hebt die Hände und kommentiert: „Das ist bisher noch zu wenig, um nachhaltig zu wirtschaften.“ Er und seine beiden Mitstreiter seien angetreten, um das zu ändern. Und sie hätten auch noch einige Ideen im Kopf, wie sie das erreichen können. Bis es soweit ist, bis sich der Milchpreis der Hagenower deutlich vom Durchschnitt abhebt, leisten die drei ihre Arbeit für die Molkerei ehrenamtlich. Greve stellt klar: „Sicher wollen wir irgendwann auch mal Geld verdienen, aber erst mal muss das Projekt laufen, das ist uns eine Herzensangelegenheit.“

Für dieses Engagement erhielt die Hagenower Molkerei jetzt im Rahmen des OZ-Existenzgründerpreises den Themenpreis in der Kategorie „Ernährungswirtschaft“, gestiftet vom Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburg-Vorpommern. (Katja Bülow)