Rostock. Wie geht’s den Firmen in MV? Drohen Pleiten? Und in welchen Branchen hätten eine Existenzgründer gute Chancen? Die OZ sprach mit Benedikt von der Decken, Chef der Wirtschaftsauskunftei Creditreform MV.

Herr von der Decken, die Zahl der Firmengründungen sinkt – bundesweit und in MV. Steht es so schlecht um das Gründerklima?

Benedikt von der Decken: Na ja, der wichtigste Grund für den Rückgang ist eher positiv: Die mittelständische Wirtschaft boomt, die Firmen haben gut zu tun, die Auftragsbücher sind voll, die Preise und Erträge steigen. 30,6 Prozent aller Unternehmen bundesweit haben eine Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent – das ist sehr komfortabel. Und: Überall werden Fachkräfte gesucht – da ist es ganz natürlich, dass es weniger Existenzgründungen gibt.

Wirkt sich die gute Geschäftslage auch auf die Zahl der Pleiten aus?

Auf jeden Fall! Die Insolvenzentwicklung ist rückläufig, sowohl bei Firmen als auch bei Privatpersonen: Im Jahre 2010 hatten wir in MV noch insgesamt 3372 Insolvenzen, im vergangenen Jahr waren es gerade mal 2380. Und nur 1070 waren es im ersten Halbjahr 2018.

Und bundesweit?

2017 mussten 20140 Unternehmen Insolvenz anmelden – Tendenz fallend. Derzeit sind bundesweit 120000 Arbeitsplätze durch Insolvenzen bedroht. Und: Zunehmend trifft es auch ältere Firmen, die zehn Jahre und länger am Markt sind.

Lässt sich etwas über die Gründe sagen, warum Firmen zahlungsunfähig werden?

Wichtigste Ursache sind Managementfehler – bundesweit und in MV. Da werden neue Entwicklungen auf Märkten nicht rechtzeitig erkannt, Überschuldungen nicht beachtet, Kursänderungen zu spät eingeleitet.

Wer kann helfen, zuverlässige, solvente Kunden und Geschäftspartner und unzuverlässige zu unterscheiden?

Zunächst sind da ja die internen Kanäle – der Vertrieb, der Kundenkontakt hat. Wichtig ist, dass die Kommunikation im Unternehmen stimmt. Zudem gibt es externe Quellen, die über die Lage von potenziellen Geschäftspartnern informieren können – Wirtschaftsauskunfteien, Verbände. Damit kann man sich als Unternehmer viel Zeit und Ärger ersparen.

In welchen Branchen sehen Sie Chancen für Existenzgründer?

Unter anderem bei der Verknüpfung von traditionellem Handwerk und Digitalisierung. Man kann Produkte optimieren, online besser darstellen, sie für Kunden durch die Verbindung von Tradition und moderner Servicetechnik attraktiver machen. Generell bieten Zukunftsthemen viele Chancen – aber auch Risiken: Rahmenbedingungen können sich ändern, Märkte sind in Bewegung. Aber natürlich sind forschungs- und entwicklungsintensive Produkte – wegen der höheren Wertschöpfung und den damit verbundenen höheren Löhnen und Abgaben – gut für das Land. Und positiv für die Mitarbeiter.

Viele Unternehmer klagen über ausufernde Bürokratie. Stimmen Sie da ein?

Das ist ein echtes Problem! Beispiel Datenschutz-Grundverordnung: Da müssen Hotelgäste mehrseitige Dokumente unterschreiben, damit der Hotelier intern speichern darf, dass der Gast lieber ein weiches Kopfkissen hätte. Oder beim Arzt, damit der einen Befund an einen Spezialisten weiterleiten darf. Beispiel Arbeitsschutz: Büros sind da in derselben Schublade wie Werkstätten, die mit Stanzmaschinen, und Lackierereien, die mit gefährlichen Lösungsmitteln arbeiten. Ich habe den Eindruck, dass häufig mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Die Folge: Die Verunsicherung ist bei vielen Unternehmern groß.

Benedikt von der Decken, Chef der Creditreform MV.